„Versteckspiel“ – ein Erlebnisbericht

„Versteckspiel“ – ein Erlebnisbericht

Am Dienstag, den 17.11.2009 lud ein Nordhäuser Gymnasium zu einer Reihe von Vorträgen und Diskussionsrunden ein.
Die erste durchaus interessante Veranstaltung beschäftigte sich mit den Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten von Schulabgängern. Referenten waren zwei Mitarbeiter der Arbeitsagentur.
Im Anschluss konnte man dann einerseits erfahren, warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde – eine Informationsveranstaltung zur Suchtproblematik. Oder aber informierte man sich über die Codes und Erkennungszeichen der „Rechtsradikalen“.

Letztere Veranstaltung – mit dem Titel: „Versteckspiel“ – wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Von der am Eingang angebrachten obligatorischen Begrüßungsformel:
„Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder …“, fühlte ich mich in keinster Weise angesprochen, also betrat ich den halb gefüllten Raum. Den Anwesenden schien meine Gegenwart ebenfalls kein Unbehagen zu bereiten, also ließ ich mich in freudiger Erwartung nieder.

Referent war ein 31-jähriger Stefan Herwegen (?) aus Erfurt von der „Mobile(n) Beratung in Thüringen – Für Demokratie-Gegen Rechtsextremismus“ (MOBIT), welcher sich bereits seit viereinhalb Jahren in diesem Verein engagiert und so seinen Lebensunterhalt bestreitet. Gefördert und (mit)finanziert wird dieses Projekt unter anderem durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Gleich zu Beginn erfuhren wir, dass das Klischee des „Stiefelnazis“ seit den 1990er Jahren so nicht mehr existiert und man doch eigentlich nicht mehr eindeutig feststellen kann, wer denn nun „rechts“, „links“ oder gar „extrem“ sei. Und überhaupt müssten sämtliche, nun folgenden Hinweise immer im jeweiligen Kontext (eines seiner Lieblingsworte) gesehen werden.
Den Auftakt bildete ein Suchbild, welches Jugendliche bei einer Demonstration darstellte und wo es nun galt, 10 (versteckte) Hinweise für deren politische Einstellung zu orten.
Keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellen sollte.
Kurze Haare und Symbole von Musik-Bands oder deren aufgedruckter Name auf Shirts waren da noch die leichtesten Erkennungsmerkmale. Den Höhepunkt stellte ein recht gewöhnlich aussehender junger Mann dar, der doch tatsächlich ein hellbraunes Hemd trug.
Ein braunes Hemd – was er damit wohl ausdrücken wollte?! Vielleicht einfach nur, dass sein blaues T-Shirt in der Dreckwäsche lag…

Was folgte war eine lückenhafte Auflistung von einschlägigen Bekleidungsmarken, welche mehr oder weniger freiwillig als Szeneklamotten missbraucht würden. Das aktuellste Beispiel stellt hier natürlich die Marke „Thor Steinar“ mit den angeblichen Runendarstellungen dar. Zu dieser Marke wird von MOBIT ganz und gar ein eigener Vortrag angeboten, der sich ausschliesslich mit dieser Thematik beschäftigt.
Aber auch „Fred Perry“ mit dem Loorbeerkranz-Logo wurde erwähnt, dessen Namensgeber doch eigentlich jüdischen Glaubens war. Und da auch „Nazis“ Schuhe tragen, vergass Herwegen er nicht die Sportschuhe mit dem „N“-Logo zu erwähnen, welches in diesen Kreisen angeblich als Kürzel für „Nationalist“ oder „Nationalsozialist gedeutet wird.

Als besonders amüsant empfand ich die Erklärung für das Tragen eines Thorshammers. Dieses heidnisch-germanische Symbol sei mit der Vorstellung verbunden, Thor würde – seinen Hammer schwingend – die Welt von Ungeziefer/Zecken befreien.
Aufkleber: „Odin statt Jesus“ seien gleichbedeutend mit der Ablehnung des Christentums, da Jesus ja immerhin Jude war. Dies ginge dann soweit (lt. Referent), dass das Gebot „Du sollst nicht töten“ ebenfalls abgelehnt würde .
„Schwachsinn“ ist hier wohl nur der Vorname.

Von Thor über Odin und die Wikinger, kam der Redner dann auch schnell zu den Runen.
Der „Experte“ stellte die Bedeutung der Runenschrift in Frage, da zu viele unterschiedliche Runenalphabete gefunden wurden und demzufolge keinerlei Bedeutung haben könnten?! Umso schlimmer, dass mittlerweile „extrem rechte“ Runenalphabete im Weltnetz abrufbar wären, die in einschlägigen Kreisen bereits als Fremdsprache genutzt würden.
Allein die Verwendung der Lebens- bzw. Todes-Rune bei Geburts- und Todesanzeigen ließe auf „rechtsextremes“ Gedankengut schließen.

Ich war mir nicht sicher, ob ich bei all diesen Äußerungen in einen Lach- oder Weinkrampf ausbrechen sollte. Ein wenig bedauerte ich mich schon, dass ich mein Geld auf die herkömmliche Weise – mit ehrlicher, körperlicher Arbeit – verdienen musste, anstatt friedliebende Menschen mit geistiger Umnachtung zu langweilen. Aber was will man machen, wenn man doch nichts Anständiges gelernt hat.

Nebenbei wurde auch die „Marke – Rudolf Hess“ abgehandelt und die Mordthese in Frage gestellt. Keinesfalls könne man in rechten Kreisen gleichzeitig von Siegerjustiz (Nürnberger Prozesse) und Mord am ehemaligen Führer-Stellvertreter sprechen. Warum hätte man Rudolf Hess erst zu „nur“ lebenslanger Haft verurteilen sollen, wenn man ihn dann später doch töten lässt? Im Zuge der „Siegerjustiz“ hätte man ihn dann doch gleich dem Henker übergeben können… Logisch, oder?

Meine leichte Unruhe schien mittlerweile auch nicht mehr unbemerkt zu bleiben. Meine ausführlichen Notizen taten dabei ihr Übrigens. Zumindest zwei der anwesenden Lehrer schien mein Verhalten doch ein wenig verdächtig zu sein.
Ihr Getuschel und die stetigen Blicke in meine Richtung ließen das zumindest vermuten.

Meine Aufmerksamkeit wurde allerdings nochmals auf den Referenten gelenkt, der die Vielfalt der verschiedensten Kreuze näher beleuchtete. Dabei ist es fast ohne Belang, wie viele Haken oder Kreise (Keltenkreuz) ein solches Symbol aufweist. Ausschlaggebend ist hier einzig, in welchem „Kontext“ das Kreuz benutzt wird.
Was habe ich daraus gelernt? Kreuze sind böse!!! Das Christenkreuz? Die einzige Ausnahme! Ansonsten gilt: Mit Haken, ohne Haken, dreiarmig, zwölfarmig, lange und kurze Schenkel, geschwungen oder gewinkelt – alles ist (natürlich im richtigen Kontext gesehen) rechtsextrem!

Selbst zur „Entstehung“ der „Schwarzen Sonne“ auf der Wewelsburg hatte der Redner eine eigene Theorie. Nachdem ein Anruf auf dem Bergschloss und die telefonische Bitte um Aufklärung ergebnislos verliefen, entwickelte der Referent die Theorie des dreifachen „Kreuzes mit Haken“.
Man lege ein herkömmliches Kreuz (4 Haken) übereinander und erhält dadurch das 12-armige Sonnenrad – Schön, zumindest hat er sich Gedanken gemacht. Allerdings sollte er darauf achten, nicht zu weit in die Materie einzutauchen, da allein das bloße Interesse an nordischer Mythologie, Runen und Kreuzen zu Abwegen (lt. Redner) in die rechtsextreme Szene führen kann.

Zuguterletzt (zumindest für mich) fanden die bekannten Zahlencodes und diverse Abkürzungen (z.B. für „Selbstschutz – Sachsen Anhalt“) noch Erwähnung, ebenso die Marke „Consdaple“, welche vorrangig mit offener Jacke getragen wird, um den „versteckten“ Code zu offenbaren. Diese Enthüllung verursachte dann auch den gewünschten Aha-Effekt bei einem der Anwesenden.

Ich hatte mittlerweile dann doch die Schnauze voll und verließ nach fast 2 Stunden die Veranstaltung, sehr zur Erleichterung der beiden Beobachter.
Bleibt nur zu hoffen, dass verwirrte Bürger nicht damit beginnen, Autos mit dem Buchstaben „N“ oder und einer verdächtigen Zahlenkombination als Fackel zu benutzen oder Häusern mit der Hausnummer 88 die Scheiben einzuschmeißen.

Ich lebe jetzt in dem Bewusstsein, dass es von diesen „Rechtsextremen“ mehr gibt, als ich erwartet hätte. Ich kenne kaum jemanden, auf den nicht wenigstens eines der angesprochenen Merkmale zutreffen würde. Man muss es eben nur in dem richtigen Kontext sehen!

Ihr Roy Elbert